Die Kunst, eine Rikscha zu fahren

Ali mit jungen Passagieren

Ali habe ich vor etwa 10 Jahren kennen gelernt. Bei unserer Fahrt zur Moschee von Khorompur bei Akhaura war mir sofort aufgefallen, dass der Sattel an der Rikscha fehlte. Mit den wenigen bengalischen Worten, die mir zur Verfuegung standen, fand ich heraus, dass ein neuer Sattel 100 Taka kostete. Ali trat barfuss in die Pedalen und trotz der schlechten Strasse brachte er mich sicher und durchaus komfortabel zu meinem Ziel. Die 100 Taka fuer den Sattel packte ich auf den Fahrpreis und verlangte, dass er mir den Sattel zeigen solle. Mehrere Tage war Ali wie verschwunden, und ich dachte schon, er habe das Geld anderweitig ausgegeben. Doch ploetzlich stand er mit seiner alten Rikscha vor mir, strahlte mich an und zeigte auf den Sattel. Seit dieser Zeit ist Ali “mein” Rikschawallah.

Ali hat mit 12 Jahren angefangen, Rikscha zu fahren. Er war noch zu klein, er musste seine Beine unter der Querstange durchstecken.

Jetzt als Erwachsener transportiert er manchmal 500 kg mit seinem nicht gerade leichten Gefaehrt. Rikschafahren ist schwerste Arbeit, aber es ist ein Arbeitsplatz, umweltfreundlich und fuer die Bedingungen in Bangladesh bestens geeignet. Wenn andere Fahrzeuge nicht mehr weiter kommen, die Rikscha durchkaemmt auch in der Regenzeit die Fluten oder erreicht von den Strassen weit entfernte Weiler.

Fahrradspeichen aus Baustahl

Alles, aber auch alles wird transportiert, vom Aktenschrank ueber Baustahl, Reisbueschel oder Wellblech bis zum Zementsack.

Groessere Mengen von Zementsaecken allerdings werden meistens auf Lastrikschas fortbewegt. Die Speichen dieser Rikschas bestehen aus Baustahl und haben hinten eine Ladeflaeche. Sie werden von den Staerksten der Starken meist gezogen.

Auch die Anzahl der Menschen auf dem Zweisitzer ist hoechst unterschiedlich. Bis zu vier Personen draengen sich manchmal auf, neben oder hinter der Sitzflaeche, und Ali faehrt oder zieht klaglos seine Rikscha.

Rikschafahren ist eine Kunst und verlangt im wahrsten Sinne des Wortes Erfahrung. Zentimetergenau faehrt Ali an der entgegenkommenden Rikscha vorbei, nimmt den Schwung mit, um die tiefe Querrinne so zu durchfahren, dass der Passagier moeglichst wenig Erschuetterungen ausgesetzt ist. Rikschas haben keine Stossdaempfer. Vor Rampen, die auf allen Strassen oder Wegen quer ueber die Fahrbahn zur Verringerung der Geschwindigkeit gebaut sind, warnt Ali, indem er die Hand zur Seite ausstreckt oder kurz mit der Ruf “Dulabhai”, der ueblichen Bezeichnung fuer Fremde, warnt.

Rikschas transportieren alles

Mit den Jahren hat Ali “Konkurrenz” bekommen. Iqbal erwies sich als ebenso zuverlaessig und aufmerksam, wenn ich Rikscha fahren wollte und Ali gerade woanders unterwegs war.

Iqbal steht jeden Morgen gegen 5 Uhr auf. Um 8 Uhr beginnt er seine Arbeit, er faehrt bis 13 Uhr, macht Pause und von 15 Uhr bis 18 Uhr geht seine Arbeit weiter. 7 Tage die Woche, tagein, tagaus. Sein Einkommen liegt bei 500 Taka pro Tag, vor Eid meist etwas mehr, da vor den Feiertagen die Leute eher bereit sind, etwas grosszuegiger zu geben. 5 Euro fuer seine Frau, seinen Sohn und seinen Vater. Wie sich herausstellte, ist Iqbal der aelteste Sohn meines ersten Rikshawallahs in Bangladesh.

Als ich zum erste Mal eine Riksha mit der Vorstellung des unbedarften Mitteleuropaeers bestieg, dachte ich an Preise fuer koerperliche Arbeit wie in Europa und glaubte, mein schon damals vorhandenes Uebergewicht koenne nicht von einem anderen Menschen ueber laengere Zeit bewegt werden.

Iqbal bei der Arbeit

Samsul Hoque, Iqbals Vater, kann und will nicht mehr fahren. Er sitzt jetzt vor einem Haufen gebrannter Ziegel und schlaegt diese zu Schotter. Iqbal ist wie Ali nur wenige Jahre zur Schule gegangen, die Familie musste ernaehrt werden.

Besonders schwer ist das Rikschafahren bei Regen. Das Verdeck, fuer Durchschnittseuropaeer meist zu niedrig, wird hochgeklappt, eine Plastikplane vor der Sitzflaeche ausgebreitet, und der Wallah ist der Einzige, der dem vollen Regen ausgesetzt ist. Alle paar Kilometer wird der Lunghi ausgewrungen, das Gesicht damit getrocknet, und weiter geht es. Allerdings sehr geschuetzt ist auch der Passagier nicht. Fast ueberall dringt Feuchtigkeit durch.

Am schoensten ist es, mit Iqbal oder Ali bei Sonnenschein am fruehen Nachmittag durch die Doerfer zu fahren, ihrer Ortskenntnis zu folgen und das Land und die Natur zu geniessen, und ich kann nur bestaetigen, was beide inmitten der Felder unabhaengig voneinander sagen:” Dulabhai, ist das nicht ein schoenes Land?”

© Text und Fotos: Siegfried Schmidt

Vorherige Teil:
Eine unentdeckte Perle Bangladeshs: Rangamati
http://n-rb.com/2011/08/24/bangladeshs-rangamati/
About these ads

About Siegfried Schmidt

English: Siegfried Schmidt, born 1952, teacher in Germany, loves photography, travelling and reading. Interested in intercultural dialogue. Deutsch: Siegfried Schmidt, geboren 1952, Lehrer in Deutschland, liebt die Photographie, das Reisen und das Lesen. Interessiert an interkulturellem Dialog.
This entry was posted in Bangladesch and tagged , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

One Response to Die Kunst, eine Rikscha zu fahren

  1. Tajul Islam Munna says:

    It’s a very hard job to pull a rickshaw. But I become surprise when I see that these people are doing this job to dawn to mid-night with just 2/1hours of break!

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s