Ankunft in Dhaka. Der Passbeamte freundlich wie immer. Heute erhalten wir auch das Gepäck schnell, obwohl es wieder zahlreiche Koffer sind. Beim Hinausgehen kommen wir am Stand von Grameenphone vorbei. Eine gute Gelegenheit, die Sim-Karte aus der Brieftasche zu holen und das Telefonkonto für Bangladesh aufladen zu lassen. Die beiden jungen Männer sind freundlich, setzen die Karten ein, schneiden eine auf die richtige Größe und wünschen einen guten Aufenthalt. Gleichzeitig haben wir eine Internetflatrate für einen Monat erworben. Die Konkurrenten von Grameenphone gleich nebenan bieten denselben Service an.
Nachdem das Gepäck verstaut ist und alle im Wagen sitzen, nehme ich mein Telefon zur Hand, überprüfe, ob die bezahlte Menge Takas auch richtig übertragen ist und schaue mir meine Telefonliste an. Einige Namen sind nicht mehr aktuell, weil diese Personen nicht mehr in Bangladesh leben, und ich lösche sie. Dann stelle ich fest, dass sich noch alte SMS auf meinem Telefon befinden bzw. einige gerade frisch dazu gekommen sind. Ich finde es positiv, dass die Regierung mit einer Kurzmitteilung dazu auffordert, die Kinder gegen Polio impfen zu lassen und lese bei der nächsten SMS den Namen eines Hotels in Rangamati und dessen Telefonnummer. Verwirrt schaue ich auf das Datum der Nachricht, es ist der 14.08.2011 und wie elektrisiert schaue ich auf den Absender. Es ist Sagar, der Journalist, der in der Nacht vom 11. auf den 12. Februar 2012 mit seiner Frau Runi brutal in Dhaka ermordet worden ist. Als ich wieder in mein Telefonverzeichnis wechsele, finde ich unter S auch Sagars Telefonnummer. Ich kann immer noch nicht glauben, dass Sagar und Runi, die ich beide durch die Deutsche Welle in Bonn kennengelernt hatte, tot sind. Sagar hatte mir damals die Papiere besorgt, die nötig waren, um als Ausländer die Chittagong Hilltracts besuchen zu können.
Sagar hatte ich als liebenswerten, aktiven und kritischen Journalisten kennengelernt, mit ihm so manche Diskussion bis in die Nacht geführt und ihn öfters mit seiner Frau und seinem Sohn Megh bei mir Zuhause als Gast empfangen.
Was mich wütend macht, ist die Tatsache, dass bis heute nichts über die Mörder herausgefunden wurde. Alles deutet darauf hin, dass man auch nichts herausfinden möchte. Allein die Tatsache, dass politische Gründe hinter dem Mord stecken könnten, müsste die Staatsanwaltschaft veranlassen, alles in Bewegung zu setzen, die Mörder zu finden. Bei dem Mord sind der Laptop und das Handy von Sagar verschwunden. Dies lässt vermuten, dass irgendwelche Recherchen der beiden Opfer Ursache der Tat sein könnten.
Skandalös ist es, dass nach dem Mord nicht alles getan worden ist, den Tatort abzusperren und kriminaltechnisch intensiv zu untersuchen. Die Massen von Menschen, die den Tatort betreten haben, müssen alle Spuren zerstört haben. Eventuell wurde dadurch sogar den Mördern Gelegenheit gegeben, den Ort des Geschehens unbemerkt zu verlassen.
Die Kommentare von einigen hochrangigen Politikern zum Mord waren einfach nur unwürdig. Besonders negativ tat sich die Regierungschefin Sheik Hasina hervor, die meinte, der Staat könne nicht auch noch für Sicherheit in den Schlafzimmern sorgen.
Aber auch Medien haben teilweise eine Rolle gespielt, die skandalös ist. Wie kann eine Muni Shah den fünfjährigen, traumatisierten Megh, der seine Eltern tot aufgefunden hat, so in die Fernsehöffentlichkeit ziehen und ihn exklusiv vor laufenden Kameras von ATN interviewen?
Dass die Fotos der entsetzlich zugerichteten Opfer dann auch noch im Internet präsentiert werden, ist ein weiterer Tiefpunkt der Polizeiarbeit. Was ist das für eine Behörde, die ihre Tatortfotos nicht unter Verschluss hält bzw. Bilder von der Autopsie ermöglicht? Was bezwecken die Menschen, die solche Bilder ins Internet setzen? Wem nützen solche Bilder menschlichen Elends?
In 20 Jahren Bangladesh habe ich insgesamt von 5 Tötungsfällen in nächster Umgebung gehört. Alle Täter sind anscheinend bekannt, wurden aber alle nicht eingesperrt. Beim letzten Fall soll sich der Täter nach Italien abgesetzt haben. Wenn mir als Ausländer diese Tatsachen bekannt sind, sollten sie der Polizei doch erst recht bekannt sein. Warum geschieht nichts? Warum muss immer Geld fließen, ehe die Polizei zu ermitteln beginnt?
Angesichts dieser Umstände möchte man manchmal verzweifeln. Gibt es keinen Polizisten, keinen Staatsanwalt, keinen Richter in Bangladesh, der gegen solche Zustände angeht? Wo sind die Politiker, die diesem gesetzlosen Treiben ein Ende setzen?
Aber: Die Hoffnung stirbt zuletzt! Und deshalb werde ich Sagars Telefonnummer nicht aus meinem Telefonverzeichnis löschen. Sie soll mich immer wieder daran erinnern, dass noch etwas offen ist und der Aufklärung bedarf.
©Siegfried Schmidt, Juli 2012

