Die Maus setzt Brillenaktion in Bewegung

eine alte Dame betet fuer die Helfer

Iserlohner Norbert Krug initiiert Hilfe für Bangladesh

Als Norbert Krug an einem Sonntag im Frühjahr 2012 den Fernseher anschaltet, bleibt er wie so oft bei der Sendung mit der Maus hängen. Es ist immer wieder eine Freude, sich die Welt erklären zu lassen. Was er an diesem Sonntagvormittag sieht, fasziniert den Ingenieur. Dort wird berichtet, dass ein Unternehmer auf die Idee gekommen ist, Brillen herzustellen, die durch eine einfache Bedienung alle Dioptriestärken erzeugen können. Die Idee, die dahinter steckt ist, dass anstatt einem Glas zwei Gläser pro Auge gegeneinander so verschoben werden, dass die unterschiedlichen Stärken durch Drehen an einem Rädchen eingestellt werden können. Es gibt zwei Sorten von Brillen, eine für Kurzsichtige und eine für Weitsichtige. Sofort setzt sich Norbert Krug an seinen Computer und recherchiert den Hersteller der Brillen. Er findet ihn in den Niederlanden und setzt sich mit ihm in Verbindung. Einzelstücke sind nicht zu bekommen. So ordert Norbert Krug gleich 100 Stück mit der Idee, sie armen Menschen irgendwo auf der Welt zu schenken. Durch einen ehemaligen Kollegen seiner Frau kommen die Brillen dann in ein Dorf in Bangladesh an der Straße zwischen Sylhet und Comilla.

Die Aktion dort lief zunächst schleppend an. Einem der Straßendoktoren wurden zwei Brillen gegeben, sie armen Leuten anzupassen und sie aufzufordern, sich ein Brille zu holen. Shajahan, ein Mann aus dem Nachbardorf, der bekanntermaßen zahlreiche Kontakte hat, wurde informiert und schon am nächsten Tag kamen die ersten Frauen und Männer. Was so einfach schien, erwies sich dann manches Mal als wahre Kunst. Wer bisher keine Brille getragen hat, weiß meist nicht, ob er kurz- oder weitsichtig ist und selbst diejenigen,die seit Jahren eine Sehhilfe tragen, wissen es oft nicht. Armen Leuten sollte geholfen werden, aber wie kann man herausfinden, wer arm und wer nicht arm ist? Die Helfer kamen dann auf die Idee, den Umfang des Bauches mit in die Kalkulation einzubeziehen. Mit jedem „Kunden“ wuchs die Achtung vor dem Können eines Optikers, denn der Umgang mit Brillen, Dioptrien, Farben von Gestellen und den Eigenheiten der Kunden sowie deren Information über die Pflege der Brillen waren zu erlernen. Dazu kamen noch Sprachschwierigkeiten, weil nicht zu allen Zeiten Bengalisch sprechende Helfer anwesend waren. Schnell packte man drei oder vier Brillen aus und wusste dann schon nicht mehr, ob es eine Plus- oder Minusbrille war. So wurden dann nach einigem Durcheinander die Minusbrillen mit einem roten Punkt, den die bengalischen Frauen aus Schönheitsaspekten sich sonst auf die Stirn kleben, versehen.

Nicht jeder Mensch kommt sofort mit rechts und links und oben und unten zurecht. Das wird dann besonders kompliziert, wenn die Nachbarin, die nun mit der schon bei ihr angepassten neuen Brille plötzlich alle Zeichen auf dem Sehtestbrett erkennt, vorsagt, korrigiert und kritisiert, während die andere, vielleicht zum ersten Mal im Leben mit einer Brille auf der Nase, sich noch orientieren muss und aufgefordert wird, die Öffnungen der Zeichen beim Sehtest richtig zu benennen. 

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Bei manchen Brillenwünschen ist man sich nicht sicher, ob die Brille die Sicht verbessern soll oder ob die Farbe des Gestells passend zum Sari wichtiger ist. Ein Frau zeigt mit großer Freude, dass sie nun wieder einen Faden durch das Öhr einer Nadel ziehen kann, und der Zimmermann äußert begeistert, dass er wieder millimetergenau messen kann.

Renu, ein älterer Herr mit Brille, der sich eine neue anpassen ließ und auch nicht zu den Armen gehört, wird später wieder mit seiner alten Brille gesehen. Es muss noch herausgefunden werden, ob er mit der Technik der neuen Brille nicht zurecht gekommen ist oder ob es einen anderen triftigen Grund dafür gibt, dass er die neue Brille nicht nutzt.

Am nächsten Tag kommt eine Frau und berichtet, sie habe gehört, dass eine junge Ärztin aus Deutschland im Dorf Brillen verteile und auch Kopfschmerzen vertreiben könne. Bei der „Ärztin“ handelt es sich um die 13-jährige Anna, die mit ihren Bengalischkenntnissen geholfen hatte, die Brillen anzupassen und dadurch bei einer Frau anscheinend den Kopfschmerz behoben hatte.

Schwierig wird es, wenn mit beiden Brillenmodellen keine Verbesserungen der Sehfähigkeit zu erreichen sind und man als Laie nicht die Ursache dafür erkennt. Hat man als Helfer eventuell einen Fehler gemacht? Gibt es vielleicht technische Fehler bei manchen Brillen? In einem Fall stellte sich nämlich heraus, dass die Brille auf einer Seite gar nicht zu verstellen war.Vielleicht wurde die Schraube am Gestell zu schnell verstellt? Oder wurde aus Versehen zweimal der selbe Brillentyp aufgesetzt? Wenn man nicht erkennt, warum sich die Sehschärfe nicht verbessert, kann man nur vertrösten und die Person auffordern, zu einem Augenarzt zu gehen. Gleichzeitig mit diesem Rat ist einem aber klar, dass das nicht passieren wird, denn dafür fehlt praktisch allen das Geld.

Als eine Blinde gebracht wird, erklärt man ihr, dass hier keine Ärzte arbeiten. Sie möchte aber auch eine Brille wie alle anderen haben und erhält sie auch. Sie behauptet, besser zu sehen, aber schnell wird klar, dass das nicht der Fall sein kann.

Täglich kommen immer mehr Hilfesuchende, hauptsächlich ältere Frauen. Warum es so viele Frauen sind, erschließt sich den Helfern nicht.Viele sagen, sie möchten den Koran lesen.

Nicht immer sind die Helfer überzeugt, ob die Brille wirklich helfen wird. Innerhalb von vier, fünf Tagen sind alle Brillen verschenkt, von nun an müssen täglich Leute abgewiesen werden. Zwar sind nur 3 Brillengestelle bei der Aktion kaputt gegangen, aber sicherlich ist der Bügel ein Schwachpunkt in der Konstruktion. Wie lange werden die Brillen halten, werden die Leute sie auch wirklich nutzen? Viele Fragen, die noch nicht beantwortet werden können. Interessant für den Hersteller ist sicherlich auch die Frage, ob die gegeneinander zu verschiebenden Gläser der tropischen Feuchtigkeit standhalten.

Insgesamt war die Aktion eine lohnende Sache. Wenn durch die Initiative von Norbert Krug auch nur die Hälfte der Beschenkten wieder besser sehen kann, dann hat diese Art der Entwicklungshilfe im Kleinen vor Ort direkt geholfen.

Text und Bilder: © Siegfried Schmidt Juli 2012

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About Siegfried Schmidt

English: Siegfried Schmidt, born 1952, teacher in Germany, loves photography, travelling and reading. Interested in intercultural dialogue. Deutsch: Siegfried Schmidt, geboren 1952, Lehrer in Deutschland, liebt die Photographie, das Reisen und das Lesen. Interessiert an interkulturellem Dialog.
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